Digitales Portfolio

16.03.2026

Zur Ausstellung „Wald-Leben“ von Liane Lonken und Ilona Reinhardt im LWL -Museum Henrichshütte, Hattingen, 14. Juli bis 8. Oktober 2023

17.07.2024

In ihrer Ausstellung nehmen Liane Lonken und Ilona Reinhardt uns mit in das Leben des Waldes, zwischen den Bäumen hindurch, über die Lichtungen und an den Schlägen entlang, hinein in die geheimnisvolle Unterwelt der Wurzelgeflechte. In den Fenstern ihrer Werke veranschaulichen sie uns eindringlich die Schönheiten und die Gefährdungen der Wälder, die unser Dasein existentiell bestimmen.

Wir beginnen unseren Rundgang mit der großen „Körperlandschaft 1“ Ilona Reinhardts, die sich in dünn gezogenen und zu schmalen Graten geschobenen Wollvliesen auf der locker gewellt hängenden Leinwand erstreckt: ein von Flechten bedecktes Gestein mit blauen Adern vielleicht oder ein von Grünalgen überschwemmter Strand, der von hellen Prielen durchflossen ist oder – mit der Lupe betrachtet – die Fältelung haarflaumiger Haut und die Venen darunter.

Verwandte Texturen begleiten uns auch durch die Installation, die die Künstlerin in den halbtransparenten schwebenden „Waldfahnen“ ausgesponnen hat: fragile Traumfänger, in denen manches durch die Luft Wehende hängenbleibt, zauberische Netze, mit denen aus den Tiefen gefischt wird, brüchige Papyri, auf denen die Verwitterung ihre Schriftzeichen hinterlässt und Bäumchenervenzellen im Gewölk der organischen Gewebes.

Mit Liane Lonken kehren wir an die Oberfläche sommerlicher Wälder zurück, durch die sie im „Rechener Park“ spazierte, die duftende Luft, den leichtkühlen Hauch, das sonnendurchlichterte Laub genießend. Die intensive Präsenz dieser Eindrücke überträgt sich in den künstlerischen Techniken, deren Faszination unter anderem auf dem unmerklichen Übergang zwischen nahezu fotografischen Details im vorderen Bereich und ihrer zunehmenden Auflösung in einen diffusen malerischen Hintergrund beruht.

Im zentralen Raum der Halle haben die beiden Künstlerinnen mehrere Serien ihrer Arbeiten ineinander komponiert, so dass sich zahlreiche Bezüge ergeben, zum Beispiel Korrespondenzen und Kontraste der Farben und Formen.

Liane Lonkens „Tothölzer“ sind entstanden aus Betroffenheit über die Zerstörung des Waldes: Da ist ein Gelege kahler Stämme im fahlen Laub, Bruchstücke moosiger Äste im Gestrüpp über einem Wasser, filigrane dürre Gezweige im Schlamm, von rötlichen Sedimenten umlagerte Gehölze wie ausgeblichene Gebeine, und gegenüber liegen Birken auf einem blutigbrandigen Grund. Mit der Konzentration auf Zerfall und Zersetzung betont die Künstlerin die Trostlosigkeit dieser Sterbeorte und fordert uns auf, ihre Ursachen und Folgen zu bedenken.

Ilona Reinhardts Arbeiten öffnen durch ihre pelzige Plastizität und filzigen Strukturen andere Dimensionen des Wald-Lebens, die sich unter anderem im „Aufbruch“ versinnbildlichen, wo die treibenden Kräfte allesdurchziehender Geflechte graue Farbsedimente sprengen und sich als grünviolette Gewölle dringlich hervordrängen.

Die „Fungi“ führen diese Transformationen weiter: Auf der hellen Grundierung der Leinwand

sind Sprengsel wie von schwarzem Schimmel gestreut und darüber die in leichte Flusen gezauste und von feinem neongelbem Stoff in Wülste gehüllte Vliese verteilt. („Fungus 4“)

Die übrigen Arbeiten des Zyklus sind zum Teil mit Wachsschichten versehen, deren Glätte die Materialität der Wolle zusätzlich zur Geltung bringt. Darüber verweben sich Flocken und Netze wie die Myzele der Pilze in Fruchtkörpern.

Die ökologische Beobachtung ist für Ilona Reinhardt das eine, das andere ist die Freude an einer aufreizenden Gestaltung, an den Variationen sich ballender und blähender, schwellender Geschwülste, an der Entgrenzung der Farben, an den prallen gelben, grünen und rosaroten Tönen, die, auch mit einem Anflug des Ekels bisweilen, nachhaltig unsere Aufmerksamkeit wecken.

In ihren „Kleinen Paradiesen“ entwirft Liane Lonken die Ordnung eines Mikrokosmos, dessen abstrakte Formationen uns von den Anforderungen des uns Entgegenstehenden lösen

und uns zu freiem Spiel einladen. Auf dem Gewebe der Leinwand agieren Pinselschwünge und -züge, bewegen sich Farben in Gesten, Nuancen von Grün, Blau, Ocker und Braun, heller oder dunkler, lasierend oder pastos, steigen auf oder ab, lagern sich in Horizonten

Dann und wann ergeben sich Szenarien mit Kreisen und Streifen, plötzlich scheinen wir unter einem großen Pilzdach zu stehen und Grashalme und Moosstämme aus unserer Winzigkeit zu sehen, auch ein kleiner Bergsee öffnet sich unter bräunlichen Dämmerungen.

An der Stellage beginnt eine Prozession kantiger Objekte aus Ilona Reinhardts Reihe „Schleimpilze“, zuoberst mit violett hervorplatzenden Knollen, die auf dem haarigen Überzug wuchern. Darunter ist die Vorderseits des Ausschnitts mit einem rosigen Gespinst erstarrter Wolle überzogen, seitwärts finden sich lose blätterige Schichten, die Einblick gewähren in das Innere des Organismus. Auch in den auf dem Boden liegenden Stücken wirkt der Gegensatz zwischen ihrer geometrischen Exaktheit und den sie amöbenhaft umfließenden Plasmamassen.

Die „Immission 1“ konfrontiert uns erneut mit einem unausweichlichen Format, das eine ebensolche Problematik ausbreitet: das gelbgrün über einem dunstig bläulich-ockrigen Grund sprossende Vlies lässt sich auf vielerlei ausgesandte giftige Verunreinigungen beziehen, auf die vernichtenden toxische Zustände der Atmosphäre und Geosphären.

In der Arbeit der Künstlerinnen verbindet sich sehr Reales und Fiktion in Abstufungen von der dokumentarischen Erfassung und ihrer künstlerischen Verwandlung bis zum Imaginären, das die Wirklichkeit verdichtet und verdeutlicht.

Liane Lonkens Film über die Haardt bei Haltern zieht uns in eine trotz heller Sonne nahezu gespenstische Atmosphäre, skandiert von wenigen Vogelstimmen und den Schritten der Filmerin, deren Blick die bleichen Blätter, die bloßen Stämme, das tote Holz überall streift, gestürzt vor Zeiten, rottend im Boden und gerade geschlagen und gehäuft zu einer Strecke wie erlegtes Wild.

Wie der Film durchbrechen auch drei großen Ölgemälde der Künstlerin die Wand. Von links nach rechts treten wir zwischen die glatten grauen Buchenstämme („Waldlandschaft“),

die von grüngefiltertem Licht überspielt werden, das in eine zaubrische Tiefe hinein zunehmend ins Blaue changiert. Ernüchtert stehen wir dann vor dem „Kahlschlag“, in dem die Stümpfe und die umgelegten dünnen Stämme wie Grabsteine und Weggrenzen das Terrain gliedern.

Schließlich sind wir mit dem logischen Chronos beim „Holzberg“ angekommen: Da lagert das, was einst lebendig war, vernachlässigt trotz des notwendigen Bedarfs an Werkstoffen und Energievorräten.

Andernorts wütet der Sturm in Liane Lonkens synästhetischen Bildern: Im Sehen hören wir das Rasen, das Sausen und Jaulen der Luft, das Biegen und Brechen, das Bersten der Bäume, ihr Krachen, Splittern, Herausgerissenwerden aus der Erde, die ganze ungeheure Dynamik ist visuell verfestigt in Gedenkmomenten.

Auch wenn der Tornado in sich zusammensinkt, der Wind sich wieder beruhigt, die Welt fliegt uns im Ganzen auseinander, wie die Künstlerin es andeutet in ihrem Explosionspuzzle, dessen Verbund in Fragmente zersprengt ist.

Die beeindruckenden Ausstellung von Ilona Reinhardt und Liane Lonken schärft unsere Wahrnehmung dafür, dass alles verbunden in unserer schönen Welt und deshalb auch alles in Gefahr, nicht nur der Wald. Lassen Sie uns unsere Aufgabe ernst nehmen, das Leben zu bewahren und die Schöpfung gut zu verwalten.

©2023 Dr. Jutta Höfel

About the exhibition

“Forest Life”by Liane Lonken and Ilona Reinhardt

at the LWL Museum Henrichshütte, Hattingen, July 14 through October 8, 2023

In their exhibition, Liane Lonken and Ilona Reinhardt take us into the life of the forest, through the trees, across the clearings, and along the logging sites, into the mysterious underworld of the root networks. Through the windows of their works, they vividly illustrate the beauty and the threats facing the forests that existentially shape our lives.

We begin our tour with Ilona Reinhardt’s large “Körperlandschaft 1,” which stretches across the loosely rippled canvas in thinly drawn wool fleeces pushed into narrow ridges: perhaps a rock covered in lichen with blue veins, or a beach flooded with green algae and crisscrossed by light-colored channels, or—viewed through a magnifying glass—the folds of downy skin and the veins beneath.

Related textures also accompany us through the installation the artist has spun out in the semi-transparent, floating “forest banners”: fragile dreamcatchers in which things drifting through the air get caught, enchanted nets used to fish from the depths, brittle papyri on which weathering leaves its mark, and tree nerve cells in the cloud of organic tissue.

With Liane Lonken, we return to the surface of summer forests through which she strolled in “Rechener Park,” enjoying the fragrant air, the slightly cool breeze, and the sun-dappled foliage. The intense presence of these impressions is conveyed through the artistic techniques, whose fascination stems, among other things, from the imperceptible transition between almost photographic details in the foreground and their gradual dissolution into a diffuse painterly background.

In the central space of the hall, the two artists have composed several series of their works into one another, resulting in numerous connections, such as correspondences and contrasts in colors and forms.

Liane Lonkens’ “Dead Woods” emerged from a sense of dismay over the destruction of the forest: There is a cluster of bare trunks in pale foliage, fragments of mossy branches in the undergrowth above a body of water, delicate, withered twigs in the mud, woody plants encircled by reddish sediments like bleached bones, and across from them, birch trees lie on a ground stained with blood.

By focusing on decay and decomposition, the artist emphasizes the desolation of these places of death and urges us to reflect on their causes and consequences.

Through their furry plasticity and felt-like structures, Ilona Reinhardt’s works open up other dimensions of forest life, symbolized, among other things, in “Aufbruch,” where the driving forces of pervasive networks burst through gray color sediments and urgently push their way forward as green-violet masses.

The “Fungi” continue these transformations: On the light-colored ground of the canvas

, specks are scattered as if by black mold, and over them are distributed fleeces tousled into light fluff and wrapped in bulges of fine neon-yellow fabric. (“Fungus 4”)

The remaining works in the series are partially coated with layers of wax, whose smoothness further accentuates the materiality of the wool. Over this, flakes and nets intertwine like the mycelium of fungi in fruiting bodies.

For Ilona Reinhardt, ecological observation is one aspect; the other is the joy of provocative design, of the variations in clumping, billowing, and swelling masses, of the blurring of color boundaries, of the rich yellow, green, and pink tones that—sometimes with a hint of revulsion—persistently capture our attention.

In her “Little Paradises,” Liane Lonken designs the order of a microcosm whose abstract formations free us from the demands of what confronts us

and invite us to play freely. On the fabric of the canvas, brushstrokes and swathes take effect; colors move in gestures—shades of green, blue, ochre, and brown—lighter or darker, glazed or impasto, rising or falling, settling into horizons

Now and then, scenarios emerge with circles and stripes; suddenly we seem to stand beneath a great mushroom canopy and see blades of grass and moss-covered trunks from our tiny vantage point, and a small mountain lake opens up beneath brownish twilight.

On the rack, a procession of angular objects from Ilona Reinhardt’s series “Slime Molds” begins, at the top with violet-bursting tubers proliferating on the hairy covering. Beneath this, the front of the cutout is covered with a rosy web of solidified wool; on the sides, loose, leaf-like layers offer a glimpse into the interior of the organism. In the pieces lying on the floor as well, the contrast between their geometric precision and the amoeba-like masses of plasma flowing around them is striking.

“Immission 1” once again confronts us with an inescapable format that presents an equally inescapable problem: the yellow-green fleece sprouting over a hazy bluish-ochre background can be related to the many toxic pollutants emitted into the environment, to the devastating toxic conditions of the atmosphere and geosphere.

In the artists’ work, the very real and fiction merge in gradations ranging from documentary recording and its artistic transformation to the imaginary, which condenses and clarifies reality.

Liane Lonken’s film about the Haardt near Haltern draws us into an atmosphere that is almost ghostly despite the bright sun, punctuated by the few calls of birds and the footsteps of the filmmaker, whose gaze sweeps over the pale leaves, the bare trunks, and the dead wood everywhere—fallen long ago, rotting in the ground, or freshly cut and piled up in a row like hunted game.

Like the film, three large oil paintings by the artist also break through the wall. From left to right, we step between the smooth gray beech trunks (“Forest Landscape”),

which are bathed in green-filtered light that gradually shifts into blue as it plunges into a magical depth. Sobered, we then stand before “Clear-Cutting,” where the stumps and the fallen thin trunks structure the terrain like gravestones and path markers.

Finally, following the logical chronos, we have arrived at “Wood Pile”: There lies what was once alive, neglected despite the necessary need for materials and energy reserves.

Elsewhere, the storm rages in Liane Lonken’s synaesthetic images: As we look, we hear the rushing, the whistling and howling of the air, the bending and breaking, the bursting of the trees, their crashing, splintering, being torn from the earth; the entire immense dynamic is visually solidified in moments of remembrance.

Even as the tornado collapses in on itself and the wind calms once more, the world flies apart before our eyes, as the artist suggests in her explosion puzzle, whose composition has been shattered into fragments.

The impressive exhibition by Ilona Reinhardt and Liane Lonken sharpens our awareness that everything is connected in our beautiful world and therefore everything is in danger, not just the forest. Let us take our task seriously: to preserve life and to steward creation well.

©2023 Dr. Jutta Höfel